Die neue Kunst -

Verfremdung, Realismus oder Propaganda?

Einleitende Worte

Charakteristika der Amarna Kunst

Technische Neuerungen

Stilistische und gestalterische Neuerungen

Darstellung Echnatons

Thematische Neuerungen

 

 

 

Einleitende Worte:

Der Kunststil der Amarnaepoche unterschiedet sich gravierend von der Kunst der pharaonischen Ära. Auf den ersten Blick entdeckt selbst der Laie Unterschiede die einen zum Rätseln und Spekulieren verleiten. Man stellt sich Fragen wie: War Echnaton tatsächlich so unförmig? weiblich? hässlich? Aus altägyptischen Quellen lassen sich diese Fragen nicht beantworten, da keinerlei erhaltene Reflexionen oder Aussagen über die Plastiken, Abbildungen  und Darstellungen überliefert wurden. Demnach sind alle Deutungen oder neuzeitliche Schlüsse Aussagen, die spekulativen Charakter haben und diesem auch unterliegen.

Zu Anfang des 20 Jahrhunderts unterlag die Deutung der Aramana-Kunst dem subjektiven Vorstellungen und Denkweisen der Fachwissenschaftler. Demnach kamen unterschiedliche "Bedingungsgefüge" ans Tageslicht, welche diese Art von Kunst angeblichen beeinflussten bzw. überhaupt entstehen ließen. Im Jahre 1905 schrieb J. B. Breasted das eigentümliche Aussehen Echnatons einem Geburtsfehler zu, wodurch er (Echnaton) sich - um der Maat gemäß zu agieren und zu leben - auch "original" abbilden und darstellen ließ.

Echnaton

In den nachfolgenden Jahren wurden Bezeichnungen wie "expressionistisch", "hässlich", "verzerrt", "Travestie", "Zumutung" etc. charakteristisch wenn es um die Abbildungen Echnatons ging. C. Aldred vermutete später, dass das seltsame (vielleicht auch nur untypische) Aussehen Echnatons auf das Fröhlich-Syndrom hinweist. Nach einer Meinung stand wiederum eine Krankheit Echnatons im Vordergrund der Betrachtung.

Erst in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts begannen die Fachwissenschaftler die "entartete" Kunst objektiver zu sehen, so dass die Kunst mit Hilfe kunstgeschichtlicher Kriterien und Elemente betrachtet wurde.

 

Charakteristika der Amarna Kunst

zit. n.: nach St. Wendig (1975, 175 f.) in Kemet 1/2002, S.37:

Die Amarna-Kunst ist durch folgende Charakteristika gekennzeichnet:

  • Individualisierung von Personen, vornehmlich von Mitgliedern des Königshauses
  • Wiedergabe von Augenblicksmomenten, z.B. Emotionen (v.a. bei der Königsfamilie)
  • Teilweise Auflösung der strengen Achsengebundenheit (unstatuarische Haltung der königlichen Familienmitglieder, gebückte Haltung von Höflingen)
  • Auflösung der symmetrischen Staffelung bei Gruppendarstellungen durch Überschneidungen und Bewegung
  • Größerer Bewegungsreichtum, u.a. frei im Wind bewegte Kronenbänder und Übernahme von Gestaltungsmitteln der kretisch-mykenischen Kunst (z.B. fliegender Galopp)
  • Versuche einer "räumlichen" Darstellung im Flachbild (Auflösung der Standlinie, Lockerung der Höhenstaffelung, eine Art "Kavaliersperspektive")
  • Einführung bestimmter ikonographischer Elemente im Flachbild, wie z.B. die Unterscheidung von rechter und linker Hand bzw. Fuß.

Neben diesen Unterschieden sind drei weitere Charakteristika von Bedeutung, durch welche sich die Kunst der Amarna-Periode eindeutig von der Kunst der restlichen pharaonischen Kultur abhebt.

  • Neben Echnaton werden auch die Frauen des Königshauses in vergleichbaren Maßen abgebildet
  • Während der Regierungszeit Echnatons finden sich zwei von einander deutlich unterscheidbare Stilphasen innerhalb der Darstellungen und Plastiken. Die eine Phase wird durch einem "künstlerischen" Übergang durch die jüngere Phase abgelöst.
  • Darstellungen des Echnaton (Amenhotep IV.) vereinen männliche als auch weibliche Züge in einer Person. Als weibliche Züge können unter anderem die ausgeprägten Hüften und Oberschenkel gesehen werden (siehe Bild).

Standfigur Echnatons (Museum Kairo, Bild: Kemet)

 

Technische Neuerungen der Amarna-Kunst:

  1. Talatat-Blöcke des Echnaton
  2. neue Rasterauflösungen in Abbildungen und Darstellungen
  3. Komposittechnik (häufig verwendet - aber nicht ganz neu)
  4. Darstellung des Aton

 

zu 1) Die Talatat-Blöcke des Echnaton:

Die Blöcke, die Echnaton in einem Steinbruch in Gebel el Silsila abbauen ließ, haben ihre Bezeichnung durch deren charakteristische Form. Sie sind 52 cm hoch, 26 cm breit und 26 cm tief. Aufgrund dieser Form und des namens (talata: arab.: "drei") werden sie auch als "Dreier" bezeichnet. Sie lassen sich aufgrund der spezifischen Ausmaße entsprechend leicht im Steinbruch abbauen und transportieren, so dass in Kürze entsprechend große Bauwerke entstehen können.

-----» Bilder der Talatatblöcke

mehr Fotos???? hier klicken

 Rekonstruktion einer Szene durch Zusammensetzung einiger Talatatblöcke

Ein herzliches Dankeschön an "Iufaa" und "Waset" für die Bereitstellung der Fotos!!!!!

Fotograph: Dr. Karl H. Leser

 

zu 2) Neue Rasterauflösungen in Abbildungen und Darstellungen:

In der Kunst des pharaonischen Ägypten war das traditionelle 18er-Raster omnipräsent. Die untypischen Proportionen in den Reliefs der Amarna-Zeit wurden zunächst auf "Freihandmalerei" zurückgeführt. Diese Annahme konnte jedoch - speziell für die Abbildungen der Königsfamilie, nicht jedoch für Privatmenschen - durch einige wenigen Abbildungen widerlegt werden. Nach genauer Untersuchung stellte sich schließlich heraus, dass unter Echnaton ein 20er-Raster eingeführt wurde, wodurch sich auch - laut J. Budka (2002)- der er scheinbar verlängerte Hals und der herabhängende Bauch Echnatons erklären lassen.

Bei sitzenden Personen war traditionell das 14er-Raster vorherrschend. Aber auch hier wurde eine neue Komposition eingeführt. Die Abbildungen der Sitzenden wurden (hypothetisch - nach Robins) nach einem 15er-Raster erstellt.

 

zu 3) Komposittechnik:

Unter der Bezeichnung "Komposittechnik" versteht man das Zusammenfügen verschiedener teile aus verschiedenen Stoffen/Materialien. In Bezug auf die Darstellungen der Amarna-Zeit bedeutet dies, dass Plastiken bzw. Teile davon aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt wurden. Diese Technik ist nicht allein als Neuerung dem Amarna-Stil zuzuordnen, da sie sich bereits im Alten und Mittleren Reich finden lässt. Typisch ist jedoch die Verwendung der unterschiedlichen "Stoffe" allein in Porträtköpfen und Gliedmaßen, nicht jedoch bei "vollständigen" Figuren. Laut Budka sind bezüglich der Komposittechnik noch viele fragen offen, beispielsweise wie die einzelnen Gliedmaßen am Torso befestigt werden konnten, da keine Spuren von Klebstoff oder ähnlichem Klebemittel zu finden waren.

 

zu 4) Darstellung des Aton:

Im ägyptischen Pantheon gibt es mehrere Götter, welche die solare Macht personifizieren. Die Gottheiten wurden mit unterschiedliche Attributen ausgestattet: Re-Harachte wurde beispielsweise in Menschengestalt, einem Falkenkopf und der Sonnenscheibe auf dem Kopf abgebildet. Wenn man die Sonne in ihrer gemeinhin sichtbaren Gestalt bezeichnete, nannte man sie Aton. Aton existiert jedoch nicht erst seit der Regierungszeit Echnatons, sondern ist bereits in den Pyramidentexten des Alten Reiches erwähnt, bezeichnet dort aber nur die Sonne an sich (Gros de Beler 2001).

Einen richtigen Sonnenkult bezüglich des Aton ereignete sich etwa ab Amenhotep III., dem Vater Echnatons. Echnaton hingegen macht Aton zu Beginn seiner Regierungszeit zur höchsten Gottheit und stellt ihn somit zunächst an die Spitze des ägyptischen Pantheons. Nachdem er im Jahre 5 seiner Herrschaft in die neue Hauptstadt Achet-Aton zieht, werden dort weitgehend (Figuren anderer Götter wurden in vergleichbar geringer Anzahl gefunden) alle anderen göttlichen Kulte und Verehrungen verboten, so dass Aton der einzige (monotheistische) Gott wurde.

In der Kunst wurde Aton zu einem elementaren Element. Aton - die Sonnenscheibe -  wurde nun nicht mehr in einer menschenförmigen Gestalt abgebildet, sondern lediglich als Sonnenscheibe, deren Strahlen in Händen enden, die wiederum ein Anch-Zeichen festhalten (Dr. R. Freed, 2001). Diese Darstellung Atons findet sich auf nahezu allen Reliefs (bis auf Porträts oder Figuren) der Amarna-Periode.

Anbetung des Gottes Aton durch Echnaton

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