Demotisch versus Hieroglyphen 

Belege, die für zwei verschiedene Schriften der Ägypter sprechen, gehen bereits auf Zeugnisse alte Historiker zurück. So schrieb Herodot in seinem zweiten Buch seiner Historien (Kapitel 36,4) folgendes:

Sie (die Ägypter) haben übrigens zwei Arten von Buchstaben, die einen heißen die heiligen, die anderen die gewöhnlichen.

Mit den "heiligen" Zeichen sind die Hieroglyphen gemeint, mit den "Gewöhnlichen" (oder "Volkstümlichen" [vgl. bei Diodor III 3,5 "Volksschrift"]) das Demotische. Die Ägypter selbst unterschieden - so Hoffmann - die "Schrift der Gottesworte" (sh mdw.w-ntr) und die "Briefschrift" (sh '.t), wobei diese Unterscheidung gleichzeitig auf die unterschiedlichen Verwendungsbereiche hindeutet:

  • Hieroglyphen --> Bereich des kultisch-religiösen

  • Demotisch -->     Bereich des Alltäglichen.

 

Die Entzifferung des Demotischen

Das Demotische wurde bereits vor den Hieroglyphen selbst entziffert, obwohl die beiden Schriften viele Gemeinsamkeiten haben. Basisarbeiten leisteten hier unter anderem Åkerbald (1763-1819) und Young (1773-1829). Das Demotische und die Hieroglyphenschrift sind beides Lautschriften mit ideographischen Elementen. Die erhebliche Erleichterung bei der Entzifferung des Demotischen liefert die Tatsache, dass es lediglich 400 Zeichen gibt, währen das Hieroglyphensystem über mehrere tausend Zeichen verfügt. Eine weitere Erleichterung lieferte die "Naivität" der ersten Entzifferer. Sie glaubten - zurecht - dass die demotischen Elemente Laute wiedergeben. Bezüglich der Hieroglyphen wurde fälschlicher Weise hingegen eine Bilderschrift angenommen.

Mit Hilfe des Steins von Rosette, gelang es demotische Eigennamen zu entziffern, was schließlich den "Weg des Erkennens" ebnen sollte. Wenn man die Entzifferung des Demotischen betrachtet und diese - wie es in der Literatur vorgenommen wird - als "leicht" bezeichnet, so darf ein weiterer wesentlicher Aspekt nicht aus dem Blickfeld genommen werden: die Sprache der Texte (vgl. Hoffmann, 28). Die demotische Sprachstufe (siehe unten) steht im geschichtlichen Verlauf unmittelbar vor dem Koptischen, was aufgrund der nahen Verwandtschaft als große Erleichterung bei der Entzifferung angesehen werden kann. 

Das Demotische hielt sich ca. 700 Jahre und wurde teilweise zeitgleich mit Griechisch geschrieben. Diese Bilinguen lieferten zusätzlich eine breite Basis für die Sprachwissenschaftler die sich der demotischen Schrift und Sprache annahmen.

 

Phasen der demotischen Schrift

In einer mehr als 1000 Jahre andauernden Verwendung des Demotischen kam es zu mehreren Veränderungen des Schriftbildes. Nach Hoffmann (2000, 24 [vgl. auch Hannig 1995]) sind insgesamt drei Stufen zu unterschieden, wobei die Übergänge zwischen den einzelnen Phasen fließend waren:

Stufe zeitliche Einordnung (nach Hoffmann) Beschreibung
Frühdemotisch 7. Jhd. v. - ca. 332 v.Chr. Das Frühdemotische wurde bis zur Eroberung Alexander des Großen verwendet. Hoffmann nennt als charakteristisches Merkmal vor allem das "schwungvoll und kalligraphische" Schriftbild.
Mitteldemotisch ca. 332 v. - ca. 30 v.Chr. Als Mitteldemotisch bezeichnet man die Phase des Demotischen in der diese Schrift ihren klassischen Höhepunkt erreichte. Als zeitliche Einordnung lässt sich hierbei auch die Makedonen- und Ptolemäerzeit anbringen.
Spätdemotisch ca. ab 30 v.Chr. Für das Demotisch der Römerzeit sind vor allem eine gleichbleibende Strichdicke kennzeichnend, welche durch den "Calamus" (=eine in der Römerzeit gebräuchliche Schreibfeder) als neues Schreibgerät hervorgerufen wurde.

Zeitliche Einordnung nach R. Hannig (1995):

Frühdemotisch: 8. Jh. v.Chr. bis 4. Jh. n.Chr.
Mitteldemotisch: 4. bis 1. Jh. v.Chr.
Spätdemotisch: 1. Jh. v.Chr. bis 1. Jh. n.Chr.

 

Demotische Schrift und Transkription

Innerhalb des Demotischen gibt es Sinnzeichen (Determinative) und Lautzeichen, wobei die Lautzeichen lediglich Konsonanten wiedergeben (bis auf einige Vokale die als man mit Hilfe von schwachen Konsonanten andeutet). Der größte Teil der geschriebenen Zeichen stellt Einkonsonantenzeichen dar, wobei des dennoch Schriftzeichen gibt die für Konsonantenfolgen bezeichnend sind. So beispielsweise: = mn (in Hieroglyphen: ) oder = wn (in Hieroglyphen: ). Einige Zeichengruppen stehen auch für ganze Wörter, exemplarisch = (in Hieroglyphen: ).

Die Determinative sind Deutzeichen und haben selbst keinen Lautwert. Sie charakterisieren die Bedeutung eines Wortes und werden selbst nicht transkribiert, sondern sollen nur auf den Bereich aus dem das Wort stammt hindeuten. So können zwei Wörter gleich geschrieben sein, durch das am Ende stehende Determinativ jedoch eine völlig andere Bedeutung haben.

Demotische Einkonsonantenzeichen:

Demotisches Schriftbild Transkription Aussprache
3 "a"
I i  
III y entspricht i und j
' Kehllaut; im Deutschen unbekannt; Aussprache etwa "a"
w  
b  
p  
f  
m  
n  
r  
l  
h  
 
graphische Variante zu "ch" wie in "ich"
h "ch" wie in "ach"
s  
"sch"
q  
k  
g  
t  
graphische Variante zu t  
t "tsch"
d  
d "dsch"

 

Literatur

Hannig, Rainer: Großes Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch. Mainz: Philip von Zabern, 1995.

Helck/Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie. Wiesbaden: Harrassowitz, 1999.

Herodet: Historien. Hrsg.: Stuttgart: Kröner, 1971.

Hoffmann, Friedhelm: Ägypten, Kultur und Lebenswelt in griechisch-römischer Zeit. Eine Darstellung nach den demotischen Quellen. Berlin: Akademie Verlag, 2000.