Geschichtsschreiber Herodot Was der griechische Geschichtsschreiber Herodot über das Land "Ägypten" schrieb:

Hinweis über Herodot: Herodot wurde etwa 484 v.Chr. in Halikarnassos an der Westküste von Kleinasien  - dem heutigen Bodrum -  geboren und starb dort um 420 v.Chr. Er studierte auf vielen Reisen die Geographie, Geschichte und die Lehre der jeweiligen Völker. Eine seiner wohl bekanntesten Reisen, ist jene nach Ägypten, wo er das Land von der Nilmündung bis hin zum ersten Katarakt bereist hat. Von dieser Reise berichten die "Historien" des zweiten Buches.

 

5. [...]"Das ägyptische Land ist nämlich so beschaffen. Nähert man sich ihm vom Meere aus und läßt eine Tagesreise vom Lande entfernt das Senkblei hinab, so zieht man schon Schlamm mit herauf und findet eine Tiefe von nur elf Klaftern. Das beweist, daß so weit hinaus die Anschwemmung von Land stattfindet.

6. Ferner: die Küste Ägyptens hat eine Ausdehnung von sechzig Schoinoi, wenigstens wenn wir das Land so begrenzen, wie wir es gewohnt sind, d.h. es vom plinthinetischen Meerbusen bis zum Serbonissee mit dem kasischen Gebirge rechnen. [...]

7. Von der Küste bis in die Mitte des Landes hinein, also bis nach Heliopolis, ist Ägypten breit, und zwar ist es durchweg eben, wasserreich und sumpfig. Die Entfernung vom Meer bis nach Heliopolis hinauf ist etwa ebenso groß wie vom Altar der zwölf Götter in Athen bis nach Pisa zum Tempel des olympischen Zeus. [...]

8. Landeinwärts von Heliopolis verengert sich Ägypten. Es wird auf der einen Seite von den arabischen Bergen begrenzt, die sich von Norden nach Süden bis hin zu dem sogenannten Roten Meer erstrecken. In diesem Gebirge befinden sich die Steinbrüche, aus denen die Steine für die Pyramiden in Memphis gebrochen sind. [...] An der breitesten Stelle soll das Gebirge, wie man mir berichtet hat, sechzig Tagesreisen von Osten nach Westen breit sein. [...] Das ist das eine Gebirge. An der anderen, der libyschen Seite, zieht sich ebenfalls ein Felsengebirge entlang. In diesem Gebirge stehen die Pyramiden. Es ist mit Flugsand bedeckt und erstreckt sich ebenso wie das arabische von Norden nach Süden.[...]

9.Von Heliopolis bis Theben fährt man neun Tage stromaufwärts. Die Entfernung beträgt [...] einundachzig Schoinoi. [...] Von Theben bis nach der Stadt hinauf, die Elephantine heißt, sind es kaum noch eintausendachthundert Stadien.

10. Der größte Teil des genannten Gebietes ist, wie die Priester mir sagten und wie ich annehme, angeschwemmtes Land. Ich hatte den Eindruck, daß die zwischen den erwähnten Gebirgen südwärts von Memphis gelegene Ebene einst ein Meerbusen gewesen ist [...].

12. [...] In Ägypten ist der Boden schwarz und brüchig, eben weil er aus Schlamm besteht, den der Nil aus Aithiopien herabgeführt hat. [...]

14. [...] Es regnet dort im Lande nicht [...]. Heute freilich gibt es kein Volk auf der Erde, auch keinen Landstrich in Ägypten, wo die Früchte des Bodens so mühelos gewonnen werden wie hier. Sie haben nicht nötig, mit dem Pfluge Furchen in den Boden zu ziehen, ihn umzugraben und die anderen Feldarbeiten zu machen, mit denen die übrigen Menschen sich abmühen. Sie warten einfach ab, bis der Fluß kommt, die Äcker bewässert und wieder abfließt.[...]

18. Daß alles, was ich zu Ägypten rechne, wirklich zu Ägypten gehört, dafür ist mir auch ein Orakelspruch des Ammon ein Beweis. [...] Die Bewohner der ägyptischen Städte Marea und Apis, die an der libyschen Grenze liegen, hielten sich für Libyer, nicht für Ägypter, und fanden die religiösen Pflichten und Gebräuche lästig. Sie wollten das Verbot, Kühe zu schlachten nicht einhalten. So so schickten sie zum Orakel  des Ammon und sagten, sie hätten keine Gemeinschaft mit den Ägyptern. Sie wohnten außerhalb des Deltas, hatten eine andere Sprache und bäten um die Erlaubnis, alle Tiere essen zu dürfen. Aber der Gott gewährte die Bitte nicht und sagte, alles Land, das der Nil überschwemme und bewässere, gehöre zu Ägypten, und alle Menschen, die von Elephantine abwärts aus diesem Fluß tränken, seien Ägypter. Das war die Antwort, die ihnen das Orakel  erteilte.

 

entnommen aus:

Herodot: Historien

Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit Einleitung von W. F. Otto. Alfred Kröner Verlag Stuttgart.

ISBN: 3 520 22404 6