Der Kosmos und die himmlischen Sphären

Vorstellungen vom Kosmos

Die Gestirne

Der Sonnenzyklus

 

Vorstellungen vom Kosmos

Die Vorstellungen der Ägypter über den Kosmos sind - gemäß ihrem mythisch-theologischen Denken - behaftet von göttlichen Vorstellungen. Sie sahen den Himmel [pet] bei Tage in strahlendem Blau erscheinen und bei Nacht in tiefem Schwarz. Jene Farben, die auch der Nil bei Tage und bei Nacht widerspiegelt. Demnach schlossen sie - so Dr. J. P. Allen (1997) - dass der Himmel aus Wasser bestehe, jenes Wasser, das damit die Erde umfließt. Der Kosmos unterliegt demnach der Vorstellung, dass sich die Erde in einem Raum innerhalb des Wassers befindet und nur die Luft  - die mit dem Gott Schu symbolisiert wird - teilt die Erde von dem Wasser ab.

Die Erdatmosphäre, oder die Luft, verhindert, dass der himmlische Ozean auf die Erde herabstürzt. Auf dem nebenstehenden Bild wird die Luft durch den Gott Schu symbolisiert, der den Körper der Göttin Nut hält. Nut stellt hier das Wasser da (Nut, "die aus Wasser ist"), das um der Erde präsent ist. Die Sonne selbst besteht nach altägyptischer Vorstellung aus feuer und befindet sich demnach auch in "dem Raum der Luft". Unter der Erde war das Duat, in welche Gegend sich auch die Sonne während der Nacht befand. 

Einige andere Vorstellungen, sagen, dass Nut die Sonne am Abend verschluckt und durch ihren Körper wandert, um am Morgen wieder erneut geboren zu werden. Duat war das Gegenstück zum Himmel, wonach die Welt zusammengefasst - wie es auch in altägyptischen Texten anklingt - als Himmel, Erde und Duat verstanden wurde.

Dieses Bild des Kosmos findet man sowohl in Gräbern und Tempeln, als auch in Papyri und Sarkophagen. Auf dem Körper der Nut finden sich oft Texte die das Universum - außerhalb des kosmischen Raumes - beschreiben. So lautet einer dieser Texte:

Die Oberseite dieses Himmels liegt in einheitlichem Dunkel...unbekannt sind, sie liegen in den Wassern, der Leblosigkeit. Es gibt dort kein Licht...keine Helligkeit. Jeder Ort, der weder Himmel ist noch Erde, ist ganz Duat.

zit.n.: Dr. J.P. Allen (1997).

Einige anderen Texte beschreiben, dass Duat auch im Körper der Nut liegt. Diese beiden Vorstellungen galten im Alten Ägypten jedoch nicht als Widerspruch, sondern ergänzten sich gegenseitig. Die Erde selber, die innerhalb des Luftraumes entstand, wuchs nach der Schöpfungstheologie von Heliopolis, aus dem Urhügel, der aus dem Urozean Nun entstieg.

Diese altägyptische Vorstellung des Kosmos und der Erde zwischen den Gewässern findet sich auch in der Bibel wieder. Das Weltmodel in Genesis 1 und 2 zeigt erstaunliche Parallelen zum ägyptischen Weltbild auf. 

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.[...]Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser.

Gen 1,1-2 & Gen 1, 6  Einheitsübersetzung

Nach dem biblischen Weltbild entstand der Luftraum auch zwischen den Meeren, bzw. zwischen der Urflut - dem Himmelozean - und den Wassern der Tiefe. Man kann dieses Bild demnach mit dem Urhügel der aus dem Urozean Nun entstand gleichsetzen.

Der ägyptische Kosmos wurde nach den Vorstellungen der alten Ägypter durch vier Punkte begrenzt:

  • Nilquelle im Süden
  • Polarstern im Norden
  • Sonnenaufgang im Osten
  • und Sonnenuntergang im Westen

 

Die Gestirne

Die Vorstellungen über die Gestirne unterliegen dem altägyptischen Weltbild. Die Sonne fuhr am Tag über die Oberfläche des Himmelsozeans und wurde am Abend von der Göttin Nut verschluckt, um am Morgen, im Osten wieder neu geboren zu werden (siehe oben). Während die Sonne vom Himmel verschwand, fuhren die Sterne über den Himmel. Die Bewegungen aller Gestirne wurden - so Dr. Allen - als Schifffahrt betrachtet. Nach diesen Vorstellungen fahren auch die Götter auf eine Brake über den Horizont. 

Die Ägypter betrachteten den Himmel ohne Teleskope oder ähnlichem. Sie benutzen die Gestirne, insbesondere die Sterne, um beispielsweise jahreszeitliche Veränderungen ablesen zu können (wie exemplarisch das Eintreffen der Nilflut, durch den Aufgang des Sirius - siehe hierzu "der ägyptische Kalender"). Die alten Ägypter kannten - soweit man dies aus den überlieferten Aufzeichnungen sagen kann - fünf der neun Planeten unseres Sonnensystems: 

  • Jupiter
  • Saturn
  • Mars
  • Merkur
  • Venus

Diese Erkenntnis gewann man von den Abbildungen des Sarges eines gewissen Huni aus dem Mittleren Reich (vgl. Höber-Kamel in Kemet 4/2000). Die Planeten galten als Erscheinungsform verschiedener Götter. So wurden drei von ihnen mit verschiedenen Aspekten des Gottes Horus identifiziert, einer mit dem Gott Seth und die Venus galt allgemein als "Überquerer":

Jupiter: "Horus, der die beiden Länder begrenzt"
Saturn: "Horus, Stier des Himmels"
Mars: "Horus, der Horizontische"
Merkur wurde mit Seth identifiziert
Venus "der Himmelsüberquerer"

Die alten Ägypter kannten weiterhin auch Sternbilder, auch wenn sie diese anders benannten als wir das heute tun. So galt der "Große Bär" beispielsweise als Bein eines Stieres und de Orion wurde als Gott Osiris verstanden. Die Milchstrasse - die "Inselkette inmitten der Wassern" - wurde als "der übliche Weg der Sterne" bezeichnet, auf welchem man ebenfalls mit einer Barke reisen konnte.

 

Der Sonnenzyklus

Wie bereits erwähnt überquerte die Sonne den Himmel an dessen Oberfläche und in der Nacht verschwand sie - je nach Vorstellung - entweder in der Duat oder fuhr durch den Körper der Nut. Der folgende Text beschreibt den Lauf der Sonne:

Wenn dieser Gott [die Sonne] an den Rand des Himmelsbeckens gesegelt ist, veranlaßt sie [Nut, die Himmelsgöttin] ihn, wieder in die Nacht einzutreten, und während er im Dunkeln segelt, stehen diese Sterne hinter ihm. Wenn dann die Inkarnation dieses Gottes...in die Duat eintritt, so bleibt diese geöffnet, nachdem er hineingesegelt ist, so daß die Sterne nach ihm eintreten und ihm nachfolgen können.

zit.n.: Dr. J. P. Allen 1997.

In diesem Text wird deutlich, dass die Sonne, wie die anderen Gestirne, als Gott verstanden wurde, der auf seiner Brake dahinsegelt. Die Sterne folgen ihm, nachdem der Tag von Neuem anbricht, indem die Sonne die Duat verlässt, die Sterne aber nun den Weg nehmen. Der ägyptische Sonnengott, bzw. die Personifizierungen der Sonne nahmen in Ägypten ein sehr hohen Stellenwert ein. Die besondere Position des Sonnengottes oder der einzelnen Sonnengötter (Re, Re-Harachte Chepri, Aton) begann insbesondere während des Neuen reiches und fand ihren Höhepunkt bei dem Versuch Echnatons, den Gott Aton als einzigen Gott, oder "König der Götter" an die Spitze der theologischen Vorstellung zu erheben.

Gott Aton als Sonnenscheibe  Sonnengott Re ganz links Sonnengott Harachte Chepri Sonnengott Atum

Folgende Aspekte der Sonne spiegeln die einzelnen Götter wider:

Re: Die Sonne an sich. Als physische Erscheinung der Sonne wurde Re auch als "Auge des Re" bezeichnet.
Chepri: Die Sonne beim Aufgehen
Atum: Die Sonne als Gipfel der Schöpfung
Horus: Die Sonne als Herrscher über die Schöpfung. Wie bei Re wurde Horus als physische Erscheinungsform auch als "Auge des Horus" oder Udjatauge bezeichnet
Aton: Die sichtbare Sonnenscheibe.
Amun-Re: Die Sonne als Manifestation des Gotte Amun.

Die Fahrt der Sonne am Tag war ungefährlich und ein fröhliches Unterfangen, während die Duat aber voller Gefahren steckte. Befand sich die Sonne in der Duat musste sie 12 Tore passieren, die 12 Stunden der Nacht. Das Gefährliche daran war, Apep (gr. Apophis), der alle Gefahren dort personifizierte.

Darstellung des Apep (Apophis) als Schlange Apep, als Schlange dargestellt, bewohnte die gesamte Duat und versuchte jede Nacht von Neuem die Sonne beim Passieren den Tore zu hindern. Die Sonne durchzog damit die 12 Stunden der Duat. Bei diesem Durchziehen weckte sie aber mit ihrem Licht die dort lebenden Seelen und Dämonen. Erst in der tiefsten Mitte des Duat traf sie auf Osiris, der  ihr neue Kraft spendete. Folgender Text beschreibt "das Wecken der Geister":

 

[...] und man hört in dieser Höhle etwas, das klingt wie das Geheul von Menschen, deren Seelen nach der Sonne schreiben.

ebd.

Eine weitere Szene aus dem "Amduat" dem Buch "aus der Unterwelt" spricht über die Erleuchtung der Finsternis durch die Sonne:

Erleuchtet ist die Finsternis in der Erde! Es jubelt und freut sich das "Fleisch", es spricht der Kopf, nachdem er seinen Leib vereinigt hat. Das sind die geheimnisvollen Bilder der dat [=Duat]. Die (Schlangen), die auf ihren Bäuchen sind, hüten sie. Wenn RE ihre Finsternis durchleuchtet, redet der Kopf, nachdem die "Gottesanbeterin" ihm zugerufen hat.

Hornung 1992. Sechste Stunde

Nachdem die Sonne die 12 Tore der Duat erfolgreich gemeistert hatte, erschien sie jedoch nicht unmittelbar am morgentlichen Horizont, sondern befand sich zunächst "am Ort des Zusammenwirkens". Dieser Ort wurde bei den alten Ägyptern mit Achet bezeichnet und ist zwischen Himmel und Duat. Nach Dr. Allen ist dieser "Ort des Zusammenwirkens" ein Erklärungsversuch für den morgentlichen hellen Himmel, noch bevor die Sonne überhaupt zu sehen ist.

Dieser Weg der Sonne, den sie Tag für Tag und Nacht für Nacht geht, hat neben der naturellen Dimension auch noch eine Theologische. Dieser verlauf kennzeichnete bei den Ägyptern den Sieg des Lebens über den Tod, indem die Sonne jeden tag diesen Sieg über die Duat gewinnt.