Der weise Ptahhotep - Lehren für das Leben

Einleitende Worte

Der weise Ptahhotep

 

Einleitende Worte

Der nachfolgende Text "Der weise Ptahhotep" zählt zu der Gattung der Weisheitslehren. Er stammt aus dem Ende des Alten Reiches und wurde dem Wesir Ptahhotep - unter Pharao Asosi, dem vorletzten König der 5. Dynastie -  "in den Mund gelegt". Der vorliegende Text entstammt einer uns erhaltenen Kopie aus dem Mittleren und Neuen Reich. Um das Copyright nicht zu verletzten, wird nur ein Teil dieser Weisheitslehre zitiert.

entnommen aus:

Hornung, Eric: Altägyptische Dichtung. Stuttgart: Reclam, 1996.

 

 

Der weise Ptahhotep - Lehren für das Leben

 

"Oh König, mein Herr! Gebrechlichkeit ist mir beschieden, das Greisenalter ist eingetreten, die Alterbeschwerden sind gekommen, und Hilflosigkeit ist erneut da. Die Kraft schwindet dahin für den mit ermattetem Herzen. Der Mund schweigt, er kann nicht (mehr) sprechen, die Augen sind schwach, die Ohren taub, man liegt unbequem da allezeit. Das Herz ist vergeßlich und kann sich an gestern  nicht erinnern, die Knochen leiden durch das Alter.

Die Nase ist verstopft, sie kann nicht atmen, Aufstehen und Hinsitzen sind beschwerlich geworden. Gutes ist in Schlechtes verkehrt, und jeder Geschmack ist vergangen. Was das Alter dem Menschen antut: Schlecht geht es (ihnen) in jeder Hinsicht!

So befehle man meiner Wenigkeit, einen "Stab des Alters" zu ernennen. Meine Schüler ("Sohn") soll an meinen Platz treten, daß ich ihm die Worte der "Hörenden" und die Gedanken der Vorfahren übermittle, die früher den Göttern gehorsam waren. Ach, möge dir Gleiches widerfahren, möge der Streit unter den Menschen ein Ende haben, daß das ganze Land dir dient."

Da sprach die Majestät dieses "Gottes" (des Königs): "So belehre ihn denn über die früheren Sitten, und möge er ein Vorbild sein für die Kinder der Beamten! Möge Gehorsam in ihn eintreten und jegliche Verständigkeit, (denn) niemand ist ja weise von Geburt an."

Beginn der Sprüche der "Schönen Rede", die der Fürst, Graf, usw. der Bürgermeister und Wesir Ptahhotep verfertigt hat, so daß er den Unwissenden zum Wissenden erzieht nach den Regeln der Redekunst, als einen Segen für den, der es beherzigen wird, als einen Fluch für den, der es nicht beachtet. So sprach er zu seinen Schülern:

I.

Sei nicht eingebildet auf dein Wissen, (sondern) unterhalte dich mit dem Unwissenden wie mit dem Wissenden. Nie erreicht man die Grenze der Kunst, und es gibt keinen Künstler, dem Vollkommenheit eignet. Die Redekunst ist verborgener, als ein kostbarer Stein, (aber) man kann sie bei den Dienerinnen über dem Mahlstein finden.

II.

Wenn du einen Mann im öffentlichen Disput triffst, in führender Stellung und angesehener als du, dann beuge deinen Arm und krümme deinen Rücken. Fordere ihn nicht heraus, dann kann er dich nicht zurechtweisen. (Aber) wenn er dich erniedrigt durch schlechte Reden, unterlaß nicht, ihm (auch) in der Öffentlichkeit entgegenzutreten, so daß er als jemand dasteht, der nichts von der Sache versteht - dann ist seine Macht durch deine Selbstbeherrschung ausgeglichen.

III.

Wenn du einen Mann in öffentlichem Disput triffst, einen deinesgleichen, der dir gleichgestellt ist, laß ihn deine Überlegenheit durch Schweigen spüren, wenn er schlechte Reden führt. Dann ist sein Tadel bei den Zuhörern groß, dein Name aber ist angesehen bei den Beamten des Hofes.

IV.

Wenn du einen Mann im öffentlichen Disput triffst als Elenden, der nicht deinesgleichen ist, dann sei nicht zornig gegen ihn, weil er elend ist. Laß ihm seinen Lauf, dann wird er sich selber bloßstellen. Gib ihm nicht Antwort, (nur) weil es dich drängt, und schaffe dir nicht Genugtuung, weil er dein Feind ist. Einen Armseeligen zu schädigen, zeugt von niedriger Gesinnung. Man wird (ohnehin) deiner Meinung folgen - so schlägst du ihn mit der Zurechtweisung durch die Beamten.

V.

Wenn du jemand in leitender Stellung bist, der für viele zu sorgen hat, dann bemühe dich um lauter Vortrefflichkeit, so daß dein Verhalten ohne Tadel ist. Groß ist die Gerechtigkeit, dauernd und wirksam! Sie ist nicht verwirrt worden seit der Zeit des Osiris, und man bestraft den, der (ihr) Gesetze mißachtet. Der Habgierige beachtet das (zwar) nicht, und Gemeinheit rafft Schätze zusammen, (aber) nie ist das Unrecht "gelandet" und hat überdauert. Ist das Ende da, bleibt nur das Recht.

VI.

Unterdrücke die Menschen nicht, (denn) Gott straft mit Gleichem. Sagt ein Mann "ich werde davon leben", (so) hat er kein Brot wegen (dieses) Ausspruchs. Sagt ein Mann "ich werde reich sein", pflegt er zu meinen "ich werde (es) erreihen (durch) meine Fähigkeit". Sagt ein Mann er werde einen anderen berauben, erreicht er (genau) das, was er dem Fremden antun wollte. Nie tritt das ein, was die Menschen sich ausdenken, (sondern) was Gott befiehlt, das geschieht. Trachte danach, in Zufriedenheit zu leben - (nur) das, was (die Götter) selber bewirken, tritt ein.

VII.

Wenn du ein Gast bist am Tische eines, der größer ist als du, dann nimm entgegen, was er dir gibt, was vor dich gelegt wird. Schau (nur) auf das, was vor dir liegt, und belästige ihn nicht mit vielen Blicken. Es verschlägt den Appetit, wenn man ihn stört. Rede ihn nicht an, bis er das Wort ergriffen hat - man weiß ja nicht, was (er) für Sorgen hat. Doch rede, wenn er dich dazu auffordert, und was immer du sagst, soll (ihm) angenehm sein. Wenn ein Beamter bei der Mahlzeit sitzt, so ist seine Stimmung abhängig von seinem Wohlbehagen, und er teilt dem zu, den er schätzt - so ist es Brauch, wenn die Nacht begonnen hat. Der Ka (Wohlbefinden) ist es, der seine Arme ausstreckt, und der Große gibt, (noch) bevor er den Mann erreicht hat. Man ißt das Brot nach dem Willen Gottes - töricht ist, wer das nicht beachtet.

[...]

XI.

Folge deinem Herzen, solange du lebst, und tue nicht mehr, als notwendig ist. Vermindere nicht die Zeit, in der du (deinem) Wunsche folgst, denn ein Abscheu für den Ka ist es, seine Zeit zu schmälern. Verliere nicht täglich Zeit über das Bestellen deines Haushalts hinaus. (Auch) der Besitz dessen wächst, der seinem Wunsche folgt, vollkommenen Wohlstand gebt es nicht, wenn er ihn ablehnt.

[...]

XXIII.

Du sollst keine Verleumdung weitergeben und sollst sie (auch) nicht anhören, (denn) sie entspringt dem "Hitzigen". Gib nur weiter, was du gesehen, nicht was du gehört hast. Wenn es unbeachtet blieb, rede auch nicht darüber - nur was dir vor Augen liegt, ist wissenswert.... Verleumdung ist wie ein (böser) Traum, gegen den man das Gesicht verhüllt.

[...]

Schlussrede:

Wenn du auf das hörst, was ich dir gesagt habe, dann wird dein ganzes Verhalten dem der Vorgänger entsprechen. Die Beispiele ihrer Redlichkeit, sie sind herrlich, und die Erinnerung an sie lebt fort im Munde der Menschen, weil ihre Sprüche so vortrefflich sind; jedes Wort wird bewahrt, es geht keines zugrunde in diesem Land....