| "Oh König, mein Herr!
Gebrechlichkeit ist mir beschieden, das Greisenalter ist
eingetreten, die Alterbeschwerden sind gekommen, und Hilflosigkeit
ist erneut da. Die Kraft schwindet dahin für den mit ermattetem
Herzen. Der Mund schweigt, er kann nicht (mehr) sprechen, die
Augen sind schwach, die Ohren taub, man liegt unbequem da
allezeit. Das Herz ist vergeßlich und kann sich an gestern
nicht erinnern, die Knochen leiden durch das Alter.
Die Nase ist verstopft, sie kann nicht atmen, Aufstehen und
Hinsitzen sind beschwerlich geworden. Gutes ist in Schlechtes
verkehrt, und jeder Geschmack ist vergangen. Was das Alter dem
Menschen antut: Schlecht geht es (ihnen) in jeder Hinsicht!
So befehle man meiner Wenigkeit, einen "Stab des
Alters" zu ernennen. Meine Schüler ("Sohn") soll
an meinen Platz treten, daß ich ihm die Worte der
"Hörenden" und die Gedanken der Vorfahren übermittle,
die früher den Göttern gehorsam waren. Ach, möge dir Gleiches
widerfahren, möge der Streit unter den Menschen ein Ende haben,
daß das ganze Land dir dient."
Da sprach die Majestät dieses "Gottes" (des
Königs): "So belehre ihn denn über die früheren Sitten,
und möge er ein Vorbild sein für die Kinder der Beamten! Möge
Gehorsam in ihn eintreten und jegliche Verständigkeit, (denn)
niemand ist ja weise von Geburt an."
Beginn der Sprüche der "Schönen Rede", die der
Fürst, Graf, usw. der Bürgermeister und Wesir Ptahhotep
verfertigt hat, so daß er den Unwissenden zum Wissenden erzieht
nach den Regeln der Redekunst, als einen Segen für den, der es
beherzigen wird, als einen Fluch für den, der es nicht beachtet.
So sprach er zu seinen Schülern:
I.
Sei nicht eingebildet auf dein Wissen, (sondern) unterhalte
dich mit dem Unwissenden wie mit dem Wissenden. Nie erreicht man
die Grenze der Kunst, und es gibt keinen Künstler, dem
Vollkommenheit eignet. Die Redekunst ist verborgener, als ein
kostbarer Stein, (aber) man kann sie bei den Dienerinnen über dem
Mahlstein finden.
II.
Wenn du einen Mann im öffentlichen Disput triffst, in
führender Stellung und angesehener als du, dann beuge deinen Arm
und krümme deinen Rücken. Fordere ihn nicht heraus, dann kann er
dich nicht zurechtweisen. (Aber) wenn er dich erniedrigt durch
schlechte Reden, unterlaß nicht, ihm (auch) in der
Öffentlichkeit entgegenzutreten, so daß er als jemand dasteht,
der nichts von der Sache versteht - dann ist seine Macht durch
deine Selbstbeherrschung ausgeglichen.
III.
Wenn du einen Mann in öffentlichem Disput triffst, einen
deinesgleichen, der dir gleichgestellt ist, laß ihn deine
Überlegenheit durch Schweigen spüren, wenn er schlechte Reden
führt. Dann ist sein Tadel bei den Zuhörern groß, dein Name
aber ist angesehen bei den Beamten des Hofes.
IV.
Wenn du einen Mann im öffentlichen Disput triffst als
Elenden, der nicht deinesgleichen ist, dann sei nicht zornig gegen
ihn, weil er elend ist. Laß ihm seinen Lauf, dann wird er sich
selber bloßstellen. Gib ihm nicht Antwort, (nur) weil es dich
drängt, und schaffe dir nicht Genugtuung, weil er dein Feind ist.
Einen Armseeligen zu schädigen, zeugt von niedriger Gesinnung.
Man wird (ohnehin) deiner Meinung folgen - so schlägst du ihn mit
der Zurechtweisung durch die Beamten.
V.
Wenn du jemand in leitender Stellung bist, der für viele zu
sorgen hat, dann bemühe dich um lauter Vortrefflichkeit, so daß
dein Verhalten ohne Tadel ist. Groß ist die Gerechtigkeit,
dauernd und wirksam! Sie ist nicht verwirrt worden seit der Zeit
des Osiris, und man bestraft den, der (ihr) Gesetze mißachtet.
Der Habgierige beachtet das (zwar) nicht, und Gemeinheit rafft
Schätze zusammen, (aber) nie ist das Unrecht "gelandet"
und hat überdauert. Ist das Ende da, bleibt nur das Recht.
VI.
Unterdrücke die Menschen nicht, (denn) Gott straft mit
Gleichem. Sagt ein Mann "ich werde davon leben", (so)
hat er kein Brot wegen (dieses) Ausspruchs. Sagt ein Mann
"ich werde reich sein", pflegt er zu meinen "ich
werde (es) erreihen (durch) meine Fähigkeit". Sagt ein Mann
er werde einen anderen berauben, erreicht er (genau) das, was er
dem Fremden antun wollte. Nie tritt das ein, was die Menschen sich
ausdenken, (sondern) was Gott befiehlt, das geschieht. Trachte
danach, in Zufriedenheit zu leben - (nur) das, was (die Götter)
selber bewirken, tritt ein.
VII.
Wenn du ein Gast bist am Tische eines, der größer ist als
du, dann nimm entgegen, was er dir gibt, was vor dich gelegt wird.
Schau (nur) auf das, was vor dir liegt, und belästige ihn nicht
mit vielen Blicken. Es verschlägt den Appetit, wenn man ihn
stört. Rede ihn nicht an, bis er das Wort ergriffen hat - man
weiß ja nicht, was (er) für Sorgen hat. Doch rede, wenn er dich
dazu auffordert, und was immer du sagst, soll (ihm) angenehm sein.
Wenn ein Beamter bei der Mahlzeit sitzt, so ist seine Stimmung
abhängig von seinem Wohlbehagen, und er teilt dem zu, den er
schätzt - so ist es Brauch, wenn die Nacht begonnen hat. Der Ka
(Wohlbefinden) ist es, der seine Arme ausstreckt, und der Große
gibt, (noch) bevor er den Mann erreicht hat. Man ißt das Brot
nach dem Willen Gottes - töricht ist, wer das nicht beachtet.
[...]
XI.
Folge deinem Herzen, solange du lebst, und tue nicht mehr,
als notwendig ist. Vermindere nicht die Zeit, in der du (deinem)
Wunsche folgst, denn ein Abscheu für den Ka ist es, seine Zeit zu
schmälern. Verliere nicht täglich Zeit über das Bestellen
deines Haushalts hinaus. (Auch) der Besitz dessen wächst, der
seinem Wunsche folgt, vollkommenen Wohlstand gebt es nicht, wenn
er ihn ablehnt.
[...]
XXIII.
Du sollst keine Verleumdung weitergeben und sollst sie
(auch) nicht anhören, (denn) sie entspringt dem
"Hitzigen". Gib nur weiter, was du gesehen, nicht was du
gehört hast. Wenn es unbeachtet blieb, rede auch nicht darüber -
nur was dir vor Augen liegt, ist wissenswert.... Verleumdung ist
wie ein (böser) Traum, gegen den man das Gesicht verhüllt.
[...]
Schlussrede:
Wenn du auf das hörst, was ich dir gesagt habe, dann wird
dein ganzes Verhalten dem der Vorgänger entsprechen. Die
Beispiele ihrer Redlichkeit, sie sind herrlich, und die Erinnerung
an sie lebt fort im Munde der Menschen, weil ihre Sprüche so
vortrefflich sind; jedes Wort wird bewahrt, es geht keines
zugrunde in diesem Land....
|