Die prädynastische Zeit

Einleitung: Die Entstehung der Hochkultur - Alt- und Jungsteinzeit

Die prähistorischen Kulturen Unterägyptens

Die prähistorischen Kulturen Oberägyptens

Die Naqada-Kulturen

Naqada I

Naqada II

Naqada III

Literatur

 

Einleitung: Die Entstehung der Hochkultur - Alt- und Jungsteinzeit

Die ersten Spuren menschlicher Existenz reichen in Ägypten - wie auch in Europa - bis in das frühe Paläolithikum (Altsteinzeit) (ca. 500.000 v.Chr.) zurück. Durch die Produktion charakteristischer Steinwerkzeuge während des Neopaläolithikums (ca. 70.000-20.000 v.Chr.) können drei, sich fortan eigenständig entwickelnde Kulturkreise unterschieden werden:

  • Europa
  • Nordafrika mit Ägypten und Palästina
  • Mesopotamien

Diese Herausbildung der Kulturräume erreichte schließlich 20.000 - 10.000 v.Chr. - während des sogenannten Epipaläolithikums - ihren Höhepunkt. Während dieser Altsteinzeit führten geographisch-ökologische Bedingungen dazu, dass die Bewohner der Savannen der Sahara ihren üppigen Lebensraum - bestehend aus Pflanzen und Tieren - verlassen mussten. Der Nil war ursprünglich ein "gewaltiger Urstrom" der in einen Golf - das heutige Nildelta - mündete. Durch klimatische Veränderungen in Europa trocknete der nordafrikanische und vorderasiatische Raum aus, was demnach auch den Lauf und die Stärke des Nils betraf. So kam es dazu, dass sich der Nil im Laufe der Zeit  in sein heutiges Bett zurückzog (Höber-Kamel 2001).

Während dem 8. und 7. Jahrtausend vor Christus lebten die Menschen in Ägypten als Jäger und Sammler. Durch die ständigen Überflutungen des Nils wurde das Land, seitens des großen Flusses, von näherstoffhaltigem Schlamm überdeckt, welcher es den Menschen ermöglichte Ackerbau zu betreiben. Erste Hinweise (beispielsweise erste Keramiken und geschliffene Steinbeile (vgl. Seidlmayer)) auf eine Bearbeitung des Landes und damit auch der stetigen Sesshaftwerdung der Bevölkerung, fallen in das sogenannte Neolithikum (Jungsteinzeit) ca. 6000 v.Chr.

Innerhalb dieser Sesshaftwerdung lassen sich zwei große, eigenständige Kulturen unterscheiden:

  • die unterägyptische und
  • mittel- und oberägyptische Kultur - die sich zeitlich nach der Unterägyptischen entwickelte.

Landwirtschaft und Städtebau finden sich in Ägypten demnach ab dem 6 Jahrtausend v.Chr., während sich das zivilisierte Leben (bzw. die älteste Stadtkultur)  in Mesopotamien und Palästina bereits 2000 Jahre zuvor entwickelte (vgl. Murnane). Dennoch kann nach Beckerath (1997) die Frage nach der älteren Kultur nicht eindeutig geklärt werden, da sich erste Schriftzeugnisse in Mesopotamien - wie auch in Ägypten - erst während des 4. Jahrtausend v. Chr. belegen lassen.

 

Die prähistorischen Kulturen Unterägyptens

Ausgrabungen in Unterägypten brachten verschiedene Orte zum Vorschein, welche während des 7. bis 5. Jahrtausends v. Chr. besiedelt waren. An Hand der Funde können die Archäologen auf das Leben und die Außenhandelsbeziehungen der damaligen Bewohner schließen, auf die Nahrungsquellen sowie auf die Kunst und den Häuserbau. Mit Hilfe dieser Ausgrabungsergebnisse kann ein Bild der prädynastischen Zeit über mehrere Jahrtausende entworfen werden, wonach ein Prozess der Sesshaftwerdung und der stetig steigenden Lebensqualitäten zu vermerken ist.

In Unterägypten können mehrere jungsteinzeitlichen Kulturen festgestellt werden. Sie werden im Nachfolgenden chronologisch aufgelistet und erläutert:

  • Fajum-B-Kultur (vor 6000 v.Chr.)
  • Fajum-A-Kultur (vor 5000 v.Chr.)
  • Merimde-Beni-Salama (etwa 5000-3500 v.Chr.)
  • El-Omari (ca. 4000-3000 v.Chr.)
  • Maadi (erste beiden Dritteln des 4. Jahrtausends)

Fajum-B-Kultur:

Die Fajum-B-Kultur wurde in einer Randoase des Fajum entdeckt. Als Fajum wird eine tiefe Senke in Mittelägypten bezeichnet, die eine breite Oase am Abhang des libyschen Gebirges bildet. Bei dieser (hier) entdeckten Kultur handelte es sich - so Höber-Kamel - um Nomaden, worauf Ritzzeichnungn in den dortigen Felsen hindeuten. Die Fajum-B-Kultur wurde zunächst - durch die Erkenntnisse der Entdeckerinnen (Caton-Thompson und Gardner) -  nach der Fajum-A-Kultur angesiedelt. Diese zeitliche Abfolge wurde schließlich durch A. J. Spencer (1993) widerlegt, woraufhin diese Kultur an das Ende des Paläolithikums (vor 6000 v.Chr.) angesetzt wurde.

Fajum-A-Kultur:

Innerhalb der Fajum-A-Kultur, die in die Zeit vor 5000 v.Chr. zu datieren ist,  konnten bereits Reibesteine ausfindig gemacht werden, die auf erste Versuche Getreide zu kultivieren hindeuten. Dieser erste Verdacht der Landwirtschaft wurde durch eine Speichergrube zur Aufbewahrung von Emmer, Getreide und Gerste noch erhärtet, so dass die landwirtschaftliche Produktion demnach während des 6. Jahrtausends v.Chr. einsetzte. Daneben fanden sich einfache Gebrauchsgegenstände aus Ton sowie Pfeilspitzen (vgl. Höber-Kamel). 

Merimde-Beni-Salama:

Der Name dieser Kultur leitet sich von dem Ort der Entdeckung ab: Memride-Beni-Salama, der sich etwa 60 km nordwestlich von Kairo befindet (vgl. Rachet). Es ist nach Seidlmayer die älteste Kultur die im vollen Sinne eine neolithische Fundstelle Ägyptens darstellt, d.h. wo sowohl eine Begräbnis-, Landwirtschafts- und Kunstkultur nachweisbar ist, als auch eine eigenständige Hauskultur. 

Ausgrabungen brachten Reste von Hüttenformen hervor, die teils in den Boden eingelassen wurden. Diese "Häuser" bestanden aus ovalen, 2,50 Meter langen Gruben und wurden von einer Art Zaun aus Lehmziegeln eingefasst. In der Mitte des Wohnstätte befand sich eine Feuerstelle und der Boden war mit Lehm-Estrich versehen (Höber-Kamel). Neben diesen  Hütten wurden auch Vorratskörbe, die als Silos dienten, teils in den Boden versenkt. Im Gegensatz zu den Fajum-Kulturen war hier jedoch jede Familie einzeln für die Nahrungsvorräte verantwortlich, da an nahezu jedes Haus derartige Silos angegliedert waren, während in den Fajum-Kulturen gemeinsame Silos verwendet wurden.

 Tiere dienten, neben der Landwirtschaft und dem Fischfang, als Nahrungsquelle als auch als Lasten- und Arbeitstier. So konnte die Haltung von Schweinen, Schafen, Ziegen und Rindern festgestellt werden (vgl. Rachet 2002; Seidelmayer, 1997). 

In Memride-Beni-Salama konnten auch verschiedene Keramik- und Werkzeugproduktionen festgestellt werden. Neben Teller, Schüsseln und Näpfen die unter anderem mit Fischgrätdekor verziert waren, wurden auch Töpfe, Flaschen und Schüsseln entdeckt. Eine wichtige Rolle spielte die Herstellung von Steinwerkzeugen und Pfeilspitzen, die - so Seidelmayer (1997)- auf Kontakte zu Vorderasien hindeuten.

Für die heutigen Wissenschaftler sind des weiteren die Bestattungen in Memride-Beni-Salama aufschlussreich, denn anders als in späteren Zeiten - so schien es-  wurden die Toten in der Nähe des Wohnhauses beigesetzt. Der Blick des Verstorbenen richtete sich scheinbar auf das Wohnhaus. Laut Seidelmyer konnte jedoch nachgewiesen werden, dass im Laufe der Zeit jüngere Wohngebiete über älteren Bestattungsgebieten errichtet wurden und dass demnach eine unmittelbare Nähe zwischen letzter Ruhestätte und Wohnhaus nicht zwingend angenommen werden kann.  Der Tote lag in Hockerstellung eingebettet in Tücher, Matten oder Tierhäute. Grabbeigaben konnten nur in wenigen Fällen nachgewiesen werden, was  auf die sozialen Unterschiede zurückgeführt werden kann (ebd.).

Von ersten Beispielen der Plastik zeugen Bildnisse, wie der unten abgebildete Menschkopf aus dem 5. Jahrtausend v.Chr., der sich heute im ägyptischen Museum in Kairo befindet.

Q: Welt der Pharaonen

El-Omari:

El-Omari befindet sich (wie Memri-Beni-Salama) in der Nähe von Kairo (bei Heluan) zwischen Beni-Salakme und Saqqara. Der Fundort wurde nach seinem Entdecker Amin el-Omari benannt, der jedoch starb bevor dort Ausgrabungen unternommen wurden. Diese prähistorische Siedlung, die in das 5. Jahrtausend v.Chr. zu datieren ist, zeigt viele Parallelen zu der Memride-Beni-Salama-Kultur. So wurden auch hier die Häuser nahe einer "Dorfstraße" angelegt und Getreidesilos verwaltet (vgl. Höber-Kamel). 

Laut Rachet (2002) sind hier zwei verschiedene Haustypen ausfindig zu machen: die Einen erinnern an die Hüttenkultur von Memride-Beni-Salama, bei welcher die Häuser über Gruben, die in den Boden eingelassen wurden gebaut wurden,  während der andere Typus unmittelbar auf dem Boden errichtet wurde und eine plumpe ovale Form besaß.

Innerhalb dieses prähistorischen Dorfes wurden zwei bzw. drei verschiedene Begräbnisstätten lokalisiert: Eine befand sich im Nordosten der Siedlung, eine weitere nahe des Dorfes. Die genannte nordöstliche Nekropole zeichnet sich insbesondere durch aufgeworfene Erdhügel aus, unter welchen die (ärmlichen) Grabbeigaben der Verstorbenen abgelegt wurden. Die Opfergaben bestanden größtenteils aus Wüsten- und Süßwasserschnecken, in einigen wenigen Grabgruben fanden sich auch Gefäße und Überreste von Kleidern (ebd.). 

Als möglicher dritter Bestattungsort wird die Siedlung selbst genannt (exemplarisch bei Höber-Kamel oder Rachet), wobei die Anmerkung Seidlmayers zu beachten ist. Der Autor postuliert, dass jüngere Siedlungen möglicherweise über älteren Nekropolen errichtet wurden und dass demnach eine unmittelbare Nähe zwischen letzter Ruhestätte und Wohnhaus nicht zwingend angenommen werden kann (s.o.). Ein bemerkenswerter Fund innerhalb der Grabbeigaben war ein Zepter, welches der Verstorbene in Händen hielt (vgl. Höber-Kamel; Rachet). Dieser Fund kann insoweit interpretiert werden, als dass die einzelnen Siedlungen um 4000 v.Chr. bereits von einem Häuptling (oder König) geleitet wurden und dass demnac hier die ersten Spuren einer Monarchie zu finden sind.

Das Bauernvolk von El-Omari ernährte sich sowohl von verschiedenen Getreidesorten, als auch von allem was die unmittelbare Gegend anzubieten hatte, wie etwa Datteln, Sykomorenfrüchte, Fisch, Muscheln, etc.

Maadi:

Eine der jüngsten prähistorischen Kulturen Unterägyptens ist die sogenannte Maadi-Kultur. Der Ort Maadi befindet sich südöstlich von Kairo. Das Besondere an diesem Fundplatz sind Neuerungen der damaligen Zeit wie etwa di Verwendung von Kupfererz - das als Farbstoff für Kosmetik verwendet wurde -, neue Werkzeuge wie Nadeln, Angelhaken oder Beile (vgl. Seidlmayer). 

Gefäß der Maadi Kultur - Quelle: Welt der Pharaonen

Beispielgefäß der Maadi-Kultur: 4. Jht. v.Chr.

Eine charakteristische Keramik (siehe Beispielgefäß oben) und die oben genannten Neuerungen jener Tage weisen - laut Seidlmayer - auf intensive Kontakte und Handelsbeziehungen  zwischen der Siedlung und Südpalästina wie auch Vorderasien hin. Betrachtet man die Summe des gefundenen Materials, so lässt sich vermuten, dass Maadi ein Stützpunkt des Handels zwischen Vorderasien und dem Niltal war (ebd.).  Neben diesen Außenhandelsbeziehungen verweisen importierte und kopierte oberägyptischen Keramiken oder Schieferpaletten auch auf einen inländischen Handel zwischen den beiden großen  Kulturhorizonten (Ober- und Unterägypten).

Q: Welt der Pharaonen Der Totenkult der Maadi-Kultur war ähnlich den bisher aufgeführten. Die Toten wurden in Matten und Leinen eingehüllt und in Hockerstellung in den dafür vorgesehenen Gruben bestattet. Das nebenstehende Bild soll dies demonstrieren. Auf dieser Abbildungen lässt sich insbesondere die angewickelte Lage des Verstorbenen erkennen, der seine Hände vor dem Gesicht hält sowie einige Grabbeigaben. Die Beigabengefäße sind, in der für die Maadi-Kultur typische Beutelform, gehalten. Diese Totengrube stammt aus dem 4. Jahrtausend v.Chr. und befand sich auf dem Friedhof von Wadi Digla.

 

 

Die prähistorischen Kulturen Oberägyptens

Die - im Vergleich zu den unterägyptischen Kulturen - jüngeren oberägyptischen Kulturen, sind seit 4400 v.Chr. belegt, zu jenem Zeitpunkt als die sogenannte Memride-Kultur (s.o.) ausklang. Aus diesen oberägyptischen Kulturhorizonten sollte später die Entwicklung der pharaonischen Kultur hervorgehen. Als bekannteste Kultur zählt die El-Badari-Kultur (ca. 5000-4000 v.Chr.).

Die El-Badari-Kultur ist die im vollen Sinne älteste neolithische Kultur Oberägyptens. Die Bezeichnung stammt von dem gleichnamigen Dorf "Badari" am Ostufer Nils, südlich von Assuit. Diese Kultur spiegelt insbesondere den ersten reich entwickelten Grabkult wieder, dessen Grundelemente (wie die Bestattung mit Gütern und Kleidung) bis in die pharaonische Zeit Bestand haben sollten. Die Toten wurden auch hier in Matten und/oder Tierhäute gewickelt und in ovalen Grabgruben beigesetzt. Der Blick richtete sich erstmals nach Westen und der Körper wurde  - im Gegensatz zu den unterägyptischen Kulturen - in linksseitiger Lage gebettet. 

Ausgrabungen brachten großartige Grabbeigaben zu Tage, wie etwa Schmuckstücke, Kleider (Schurze oder Kopfbedeckungen), feinkeramisches Geschirr, Kämme, Nähnadeln und Kosmetikartikel (vgl. Seidlmayer; Höber-Kamel). 

Innerhalb der Keramikproduktion zeichnet sich die Badari-Kultur durch charakteristische braunrote Tongefäße aus, die ihrerseits im oberen Teil schwarz gefärbt sind. Diese Randfärbung wurde - so Seidlmayer - durch eine spezielle Brenntechnik erzeugt.

Die Badari-Kultur wurde - trotz ihrer Fortschritte in Kunst und Grabkult - im 4. Jahrtausend v-Chr. von der räumlich benachbarten Naqada I-Kultur ersetzt.

 

Die Naqada-Kulturen

Unter der Bezeichnung "Naqada-Kulturen" versteht man die prädynastische Zeit im engeren Sinne, da sich aus diesen Kulturen schließlich die Dynastien und damit der Einheitsstaat bildete. Vor mehreren Jahrzehnten gingen die Fachwissenschaftler davon aus, dass die erste Reichseinigung ein einmaliger und unmittelbarer Akt gewesen sein soll. Diese Ansicht gilt heutzutage nicht mehr. Konstitutiv ist die heutige Auffassung, dass sich die Naqada-Kulturen in einem länger andauernden Prozess, allmählich von ihrem Kerngebiet (zwischen Abydos und Luxor) ausgehend bis hin nach Mittel- und Unterägypten ausdehnten. Dabei wurden die eigenständigen Kulturen Mittel- und Unterägyptens verdrängt. 

Den Namen erhielt die Periode von ihrem Fundort, der Oberägyptischen Stadt Naqada. Dieser Ort befindet sich ca. 80 km nördlich von Luxor, auf dem Westufer des Nils. Man fand dort über 3000 Gräber, die in die Zeit vor den Dynastien zu datieren sind. Der englische Archäologe William Matthew Flinders Petrie (1853-1942) grub im 19. Jahrhundert die Nekropole von Naqada aus und entdeckte dabei in den Gräbern charakteristische Keramiken. An Hand dieser Keramiken erstellte er ein System "der Sequenzdaten", wonach diese Funde einer jeweiligen Periode zugeordnet wurden. Mittels dieser Sequenzdaten (S.D.) (deren Bezeichnung von S.D. 1- S.D. 80 ging) konnte man schließlich herausfinden, dass Menschen am Ende der Naqada I-Kultur vom Delta aus in den Süden Ägyptens aufgebrochen sind und ihre Zivilisation über ganz Ägypten verbreitet haben. Diese Unterägyptische Kultur der Naqada-Periode bildet die Naqada II.-Kultur.

Aufgrund der gefundenen Artefakte jener Zeit teilt man die Naqada-Kulturen  in drei Stufen ein: Naqada I, II und III. Nach den Analysen von Kaiser lassen sich diese drei Stufen - aufgrund archäologischer Funde - noch weiter ins Detail gliedern, so dass jede einzelne Epoche noch in a, b und c unterteilt wurde. Jürgen von Beckerath gibt folgende zeitlich approximative (annähernde) Ansätze für diese Kulturen an:

Kultur Stufe mittlere Daten etwa
Naqada I (Amra) - 4300/4200-3700/3600
Naqada II (Gerza) a-b 3700/3600-3400
  c 3400-3300
  d 3300-3200
Naqada III (Semaina) a 3200-3150
  b 3150-3060
  c 1* 3060-3000
  c 2-3 (1. Dyn.) 3000-2800

* Könige Sechen, "Skorpion", Nar-mer

Im Folgenden sollen die Charakteristika der einzelnen Naqada-Kulturen erörtert werden.

 

Naqada I

Die Naqada (auch Negade)-I Kultur wird auch als Amratien oder Amra-Kultur bezeichnet, da der entscheidende Fundot el-Amra hieß. Sie verläuft zunächst im 4. Jahrtausend parallel zu der Badari-Kultur, ersetzt diese aber schließlich in einem "Überlagerungsprozess" (Seidlmayer, 14). Die Naqada I-Kultur war im Süden Ägyptens heimisch, wobei der nördlichste Ausbreitungspunkt die Stadt Assiut war.

Naqada I-Gefäß - Quelle: Welt der Pharaonen In ihren technologischen und ökologischen Eigenschaften ist die Naqada I-Kultur etwa mit der Badari-Kultur zu vergleichen. Nichts desto trotz lassen sich auch hier bestimmte Charakteristika - insbesondere in der Kunst - festhalten. So dominiert hier eine fein rotpolierte Keramik, die teils unifarben, teils auch schwarzrandig gestaltet wurde (siehe unten). Neben konventionellen Schüsseln, Tellern und Schalen finden sich neuartige konisch geformte Gefäße. Eines dieser Gefäße ist nebststehend abgebildet, wobei das cremefarbende Dekor (neben häufigen Tier- und Menschenabbildungen) als weitere Errungenschaft der Naqada I-Kultur  angesehen werden kann (vgl. Seidlmayer). 

Beispielgefäße für eine schwarzrandige Keramik:

Quelle: Welt der Pharaonen

 

Die Amra-Leute (Menschen der Naqada I-Kultur) sind - so Fischer - mit den Libyern des kapsischen Mesolithikums verwandt. Der Autor beschreibt diese Menschen wie folgt: "Die Amra-Leute sind hochgewachsen, schlank und feingliedrig. Lebensgefühl und Stil sind auf nordafrikanischen Felsbildern manifestiert. [...] Mit ihnen beschleunigt sich der Werdeprozeß des ägyptischen Menschen" (Fischer 1960, 44). Fischer könnte mit seiner Darstellung der Amra-Menschen durchaus richtig liegen, wenn man bedenkt, dass zum ersten Mal Boote abgebildet wurden (vgl. Seidlmayer), die Steinbearbeitung in großen Schritten voranging (vgl. Höber-Kamel) und ganze Gebiete - bis hin zum 1. Katarakt - von ihnen kolonisiert wurden. 

Mit dem Übergang von der Amra- zur Gerza-Kultur (Naqada II) endet die neolithische  Epoche der frühen Hochkulturen Ägyptens und die technisch-handwerkliche, künstlerische und theologischen Entwicklung schritt in der Gerza-Periode noch weiter voran. 

 

Naqada II

Die Gerza-Menschen der Naqada II-Kultur waren zunächst im Norden Ägyptens sesshaft. Aufgrund neuer Technologien die archäologische Funde zu Tage brachten, und an Hand des Systems der Sequenzdaten ging man davon aus, dass diese Menschen aus dem Delta sich stetig weiter gen Süden hin ausbreiteten, in verschiedenen Städten (wie Nechen [Hierakonpolis]) sesshaft wurden und sich mit der oberägyptischen Naqada I-Kultur vermischten. Diese Vermischung und Überlagerung verschiedener prädynastischer Kulturen durch die Naqada II-Kultur, beschreibt Fischer äußerst anschaulich und poetisch: "Es ist, als ob sich jetzt über einer Fülle verschiedenartiger Stimmen eine einheitlich einsetzende Symphonie erhöbe" (Fischer 1960, 44).

Die wohl bedeutsamsten Errungenschaften der Naqada II-Kultur sind Gefäße aus grob mit Häcksel gemagertem Nilschlamm und die sogenannte "Mergeltone". Unter Letzterem versteht man eine Keramik, "[...]die aus Tonen geologisch anderen Ursprungs gefertigt wurde und die vorwiegend eingelagert in die Kalksteinformationen der Randgebirge zu finden waren" (Seidlmayer 1997, 16). Diese keramische Ware eignete sich aufgrund ihrer Härte insbesondere zur Lagerung von Nahrungsmitteln. 

Quelle: Welt der Pharaonen       Mit Hilfe dieser Mergeltone  wurde nun auch eine neue Art von Gefäßen produziert, die sich insbesondere durch eine dunkelrot-braune Pinselmalerei auf cremefarbenem Untergrund (siehe unten) auszeichneten. Hierbei wurden in den meisten Fällen - neben Tupfen und Spiralformen - geometrische Formen als Dekor verwendet. Die Amphoren zeigen erstmals eine auffällig gearbeitete Henkelkunst auf. Einige besitzen Schnürösenhenkel (Bild links), durch welche ein Schnur zum Tragen gezogen werden kann, andere Wellenhenkel, die mit gewellten Griffleisten versehen wurden. Neben diesen Gebrausmaterialien für den Haushalt sind Tierpaletten, zum Anreiben von Kosmetika für jene Periode charakteristisch.

Beispielkeramik der Naqada II-Kultur:

Quelle: Welt der Pharaonen

Flinders Petrie konnte in Naqada die Reste einer Naqada II-Siedlung freilegen. Dabei wurde festgestellt, dass die Häuser bereits eine rechteckige Form besaßen und die Ganze Stadt von einer Umfriedungsmauer umgeben war. Neben der rechteckigen Form der Häuser, wurden nun auch die Gräber in dieser geometrischen Form angelegt. Ob dies in Anlehnung an den Häuserbau geschah, kann nur vermutet werden (vgl. Höber-Kamel). 

Der handwerkliche Bereich innerhalb der Naqada II-Periode wurde in vielen Bereichen perfektioniert. Man kannte verschiedene Brennverfahren zur Tonherstellung, besaß eine hohe Kunstfertigkeit im Bereich der "Rüstungsfabrik" (hinsichtlich Silexmesser, Speerspitzen und Dolche) und verwendete eine große Spannbreite an verschiedensten Materialien, wie etwa Obsidian und Feuerstein, Kalk- und Sandstein, Granodiorit, rotem Breccia, etc.

Die kulturelle Entwicklung zeichnet sich besonders durch die genannten Charakteristika aus, durch die territoriale Dynamik und durch die Außenbeziehungen. Hinweise auf die Außenhandelsbeziehungen der Naqada II-Kultur liefert uns exemplarisch die Verwendung und Herstellung der oben genannten Wellenhenkelgefäße, die im palästinensischen Raum vorherrschend waren. Spiegelbildlich wurden aber auch in Palästina Importware aus Ägypten gefunden, so dass aufgrund dieser Parallelen auf rege Handelsbeziehungen geschlossen werden kann. Neben dem Export ägyptischer Waren in den Norden, sind weiterhin auch Befunde zu verzeichnen, welche den Handel in den Süden - nach Nubien - belegen können. Im nubischen Niltal wurde eine Kultur eigenen Ursprungs entdeckt (nubische A-Gruppe), die von ägyptischen Waren "gleichsam überschwemmt wurden" (vgl. Seidlmayer). 

Wie wir gesehen haben kann die Naqada II-Kultur als der Vorläufer des dynastischen Ägyptens schlechthin bezeichnet werden, da gerade hier die diversen Entwicklungen, Handelsbeziehungen und die Urbanisierung ihren prädynastischen Höhepunkt erreicht. Mit dieser Periode kann man die Wurzeln des ägyptischen Königtums fassen. Dennoch wurde - aufgrund neuerer Entwicklungen die bis in die Thinitenzeit (1. und 2. Dynastie) und bis in das Alte Reich konstitutiv blieben - eine dritte Phase der Naqada Kultur unterschieden: die Naqada III-Kultur.

 

Naqada III

Die Naqada III-Kultur beschließt die prädynastische Zeit Ägyptens. Den Endpunkt dieser Periode beschließt die Reichseinigung, unter der der Zusammenschluss von Ober- und Unterägypten zu einem einheitlichen Staat - mit dem Pharao als Oberhaupt - verstanden wird. 

Die Naqada III-Kultur unterscheidet sich von der vorangehenden Naqada II-Epoche lediglich in der Perfektion einiger Keramiken und den Grabbeigaben hoch gestellter Personen. Für den Zeitraum dieser Periode ist insbesondere die Besiedlung folgender Städte und Zentren zu vermerken:

  • Buto und
  • Minshat Abu Omar

Hervorzuheben wäre hier, dass auf manchen archäologischen Funden, speziell auf Keramik, hieroglyphische Aufschriften gefunden wurden, wonach die Entwicklung der Schrift bereits ihren Weg nahm. 

 

Literatur

Beckerath, Jürgen von: Chronologie des pharaonischen Ägyptens. Mainz: Zabern 1997.

Fischer, Hugo: Die Geburt der Hochkultur in Ägypten und Mesopotamien. Der primäre Entwurf des menschlichen Dramas. Stuttgart: Klett, 1960.

Höber-Kamel, Gabriele: Kulturgeschichte der ägyptischen Vorzeit im Überblick. In: Kemet 4/2001.

Murnane, William J.: Die Frühzeit Ägyptens. In: Silverman P. (Hrsg.): Das Alte Ägypten. München: Frederking & Thaler, 2001.

Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten. Düsseldorf: Patmos, 2002.

Seidlmayer, Stephan: Ägyptens Weg zur Hochkultur. In: Schulz/ Seidel (Hrsg.): Die Welt der Pharaonen. Köln: Könemann, 1997. S. 9-24.